Gemünd, 10: 00 Uhr
Ich machte mich frühzeitig von Gemünd auf um etwas Zeit für berufliche Zwecke zu nutzen und um im Anschluß gegen 12:00 Uhr in der kölner Altstadt einzutreffen.
Da ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln dort hinfuhr - ein Kölner kennt seine ehemalige Stadt - kam es auf Grund einer netten Verzögerung dazu, dass der Bus in Gemünd gerade fort war, was jedoch kein Problem sein sollte. Also auf zu Fuß Richtung Kall und lässig Daumen raus.
500 Meter später passierte mich ein Fahrzeug mit dem Kfz-Kennzeichen Köln, welches zu einer Tankstelle abbog. Ich sprach den Fahrer an: “Du fährst nach Köln?”
Fehlanzeige, da er zum Finanzamt in Gemünd mußte. Bis zur nächsten Bushaltestelle sollte sich keine Mitfahrgelegenheit ergeben, bis just dieses kölner Fahrzeug vor mir anhielt,
dessen Führer mich zu ihm auf den Beifahrersitz winkte und mir anbot mich bis nach Köln-Poll mitzunehmen. Es stellte sich heraus, dass der Gönner ehemaliger Kölner war und aus Köln in die Eifel umgezogen war, da er und seine Frau der vierjährigen Tochter eine entspanntere Zukunft bieten wollen. Weiter stellte es sich heraus, dass die Familie nun just in dem Nachbarort des Dorfes lebte, in welchem ich bisher gewohnt hatte. Somit ergab sich bis zum Eintreffen in Köln ein gutes Gespräch über soziale Drücke. Auf der rodenkirchener Autobahnbrücke sah ich, die Zerstörung der aus hohen Glaswänden bestehenden Schallschutzdämmung. Ich erinnerte mich daran, wie diese damals errichtet wurde. Teils vielleicht durch die Schwingung der Brücke zerstört, doch auch durch weiß der Himmel welche kinetische und menschliche Energie. Der Gönner und Fahrzeugführer meinte es wäre der Frust der Menschen, der dieses bewirkt habe. Ich höre so etwas öfters, habe auch schon hier und dort eingegriffen, da auch hier viel zerstört wird. Mehr Polizei ist dann oft die Forderung, so borniert wie stets, statt die Ursache anzugreifen, was aus meiner Sicht jedoch nicht gewollt oder sogar gegen die längjährige Planung ist.
Poll, ca. 11:00 Uhr
Ich war über ein jahrzehnt nichtmehr in Poll und es ergab sich für mich ein krasses Bild. An der Bahnhaltestelle sah ich dann eine sehr große Gruppe von Menschen, vermutlich welche die aus dem sozialen Netz gebommt wurden oder es gerade werden. Mit der Linie 7 fuhr ich dann zum Neumarkt und es ergab sich dort kein anderes Bild, neben den umherirrenden Leuten sämtlicher Nationen, wie es sich mir vermittelte. In der Galleria lies ich mir ein T-Shirt zum Thema Grundeinkommen anfertigen und es kam somit in der Zeit bis Fertigstellung zu einem 1/2 stündigen Gespräch zum Thema Grundeinkommen. Seltsam ist, dass ich sehr viele Gespräche mit Leuten zu diesem Thema führe und nie jemanden kennenlernte, welcher dieses Thema zuvor schon kannte. Immer war man mißtrauig, dass so etwas wie ein Grundeinkommen funktionieren könne, doch immer wenn ich diese Leute verließ hatten sie verstanden, dass es schnell ein Grundeinkommen geben muß. Alle hatten zunächst die Vorstellung der Mensch würde mit einem Grundeinkommen nichtmehr arbeiten wollen, doch alle wiederum meinten ebenso selbst weiter einer Arbeiten nachzugehen, dies um mehr Geld zu verdienen als ihnen ein Grundeinkommen einbringen würde.
Auf dem anschließenden Weg zur Domplatte hakte ich eine lange Liste ab, u.a. von Hotels die auf dem Weg lagen. Trotz der Hektik wegen der einscheckenden Gäste, nahm man sich doch die Zeit mit mir über das Projekt “Weg für soziale Gerechtigkeit” zu sprechen und man schien angetan von der Aktion. Wegen der stattfindenden Messe stellte sich mein Vorhaben mehr und mehr als jenseitig heraus. Dennoch konnte ich viele gute Gespräche zum Thema führen.
Domplatte, ca. 12:45 Uhr
Im Domhotel machte ich Station, bestellte mir einen Late Macchiato und überreichte an der Rezeption wiederum eine Beschreibung des Projekts, dies mit der Anregung die Aktion zu unterstützen. Man weiß ja nie. Von Leuten an der Bar neben mir erfuhr ich ungewollt, das dieses Leben ein echtes Problem ist. Ich war eine halbe Stunde dort und in diese Zeit wurden sich zwei betagte Herrn nicht darüber einige, ob und wie man ein Reiseziel erreicht. Ich nahm Kontakt zu Siegfried auf, der mit Axel zu dieser Zeit Mechenich durchwanderte. Ich brach auf um weiterhin Ausschau nach Unterkünften zu halten. Jedenfalls konnte man wegen des Dauerregens nicht vertrocknen.
Domplatte, ca. 14:45 Uhr
In der Touristik Information am Dom holte ich Beratung ein, da meine Liste mittlerweile erfolglos abgehakt war. Auch dort lachte man mich an und erinnerte mich an die Messe.
Dennoch bekam ich Unterlagen und Hinweise wie und wo man vielleicht unterkommen könnte. Daraufhin ging ich ins Domforum um weiter nach Unterkünften zu forschen.
Eine Dame, die wie alle anderen die ich ansprach positiv zur Sache stand, machte sich sehr viel Mühe um eine mögliche Unterbringung zu organisieren.
Domplatte, ca. 16:00 Uhr
Vom Unterstand des Domforums entdeckte ich die zwei Wanderer. Nach der Begrüßung, Reiner stieß dann auch hinzu, riet ich zunächst einmal Unterschlupf im Domforum zu beziehen.
Bei Kaffee und Tee trug ich kurz meine Erfahrungen des Tages vor. Bis zu diesem Zeitpunkt sah ich kaum einen anderen Weg, als die zugesagte Notunterkunft in meinem
Schrebergarten bei Köln aufzusuchen. Möglicherweise zu Recht schien dies Axel problematisch. Keine sanitären Anlagen und Enge ist etwas was man erst dann schätzen kann, wenn ein Zusammenbruch des Systems gelaufen ist, oder man sich im Ersatzfall mal für ein Jahr lang weitgehend von diesem System entfernt hat.
Da ich keine Ambitionen habe als Führer aufzutreten ließ ich dieses auch sein. Zunächst hätte ich einen Waschsalon aufgesucht um trocken Kleidung herzustellen, danach vielleicht einen Saunabesuch. Klingt vielleicht überzogen, doch mit etwas Geschick, Willen und einem Quäntchen Glück kann man manches bewältigen. Siegfrieds Idee in Studentenvierteln einzutauchen hielt ich für sehr gut, da ich auf meinem persönlichen Weg Ende der 90er - um mir ein eigenes Bild von der sozialen Gerechtigkeit zu machen - dieses auch tat. Fordernd und erwartend sehe ich keine Chance etwas im System zu bewirken, ohne dass just dieses System seine Krallen zeigt.
Im Verlauf trafen dann noch Yvonne und ihr Ehemann Karl-Heinz, mit Kind und Patenkind im Domforum ein und überreichten die Bilder von Schülern zum Thema Zukunft. Eine Aktion die Yvonne gestartet hatte um mitzuwirken. Ich lernte so eine nette und aufgeschlossene Familie aus Düsseldorf kennen. Nach deren Abreise berieten wir erneut wie der Abend und die Nacht verlaufen wird.
Domforum, gegen 18:00 Uhr
Der werte Reiner und ich zogen los um eine Obdachlosenunterkunft in der Nähe des Hauptbahnhofs aufzusuchen, dies um dort die Lage zu peilen. Ich hatte in den 90ern Kontakt zu dieser, um eine Arbeit dort zu verrichten. Dort wo ich die Stelle in Erinnerung hatte war diese jedoch nichtmehr. Wir bekamen eine Wegbeschreibung. Was wir dann vorfanden war enorm und für manchen als bedrückend zu empfinden. Gegenüber einer von vielen Kameras überwachten einer Polizeiwache, so dass es jedem Obdachlosen oder Drogenabhängigem die Fußnägel aufrollen lassen könnte, befand sich diese Stelle nun in einem großen Gebäude, in einem sehr Großen.

Trist im Hinterhof und gut überwacht
Einlaß 21:00 Uhr stand an der Pforte. Klingeln erwies sich als zwecklos. Ich hatte einen Splitter eines Songs von Purple Schulz im Ohr: “Ich will raus!”.

Die bestgesicherte Klingel die ich je sah, der Frust muß raus, leider an falscher Stelle!
Auf dem Rückweg sah ich wiederum die in den Domnischen platzierten Obdachlosen, welche nun vermutlich Kerzenlichter gezündet hatten, um wenigstens etwas Wärme zu erfahren.
Eine erneute Anfrage bei den Beratern im Domforum ergab eine Bleibe im Kolpinghaus. Axel telefonierte derweil mit Bekannten, was dann weitere Optionen ergab.
Domforum, ca. 18:30 Uhr
Da nun die Unterkunftsangelegenheit geklärt war, verabschiedete ich mich von den Dreien und sah zu dass ich so schnell wie möglich aus Köln verschwand.
Südbahnhof, 18:50 Uhr
Am Südbahnhof trank ich in einem ehemaligen Stammlokal (damals Kwartier) eine Cola, da ich ca. eine halbe Stunde auf den Zug warten mußte. Wo damals fröhlicher, kultureller Austausch stattfand, war nun gähnende Leere. Aus bestimmtem Anlaß “Rauchverbot Gastronomie” ergab sich ein Gespräche. Immerhin gesellte sich ein weiterer Gast hinzu, welcher sich am Gespräch beteiligte. Es stellte sich heraus, dass auch er in die Eifel fuhr.
19:28 Uhr, Südbahnhof
Wir bestiegen den Zug Richtung Gerolstein. Ich wollte eine Fahrkarte lösen, wurde jedoch von dem Weggesellen zur Fahrt eingeladen, da er Kraft seines Monatstickets eine Person mitnehmen durfte. Wie ich erfuhr muß man meistens auf der Rückfahrt stehen, doch hatten wir Glück zwei Plätze zu bekommen. Im Gespräch über die soziale Gerechtigkeit, Schwerpunkt Grundeinkommen, ergab sich dass er einen ähnlichen Beruf ausübte wie ich, dies tat er bei einem kölner Magazin. Sein Geburtsort lag unweit von meinem entfernt, er hatte sich in die Eifel abgesetzt, da ihm die Eifel mehr Lebensqualität bot. Ich händigte im eine Beschreibung zum Thema “Weg für soziale Gerechtigkeit” und “Grundeinkommen” aus.
Er bot an Kontakt aufzunehmen um eventuell gemeinsam etwas tun zu können. Auf jedenfalls dürften, wie ich die gespitzten Ohren wahrnahm, nunmehr etliche etwas mehr zum Thema soziale Gerechtigkeit wissen.
20:30 Uhr, Kall
In Kall stand der Bus Richtung Hellenthal schon bereit.
Ankunft in Gemünd
Ich legte den Weg zum Supermarkt auf dem Heimweg zu Fuß zurück, und wie kann es anders sein, es ergab sich ein kurzes Fortsetzungsgespräch zum Thema soziale Gerechtigkeit (Grundeinkommen), eine Mitarbeiterin berichtete mir über Erfahrungen in der Familie hinsichtlich der Arbeitslosigkeit durch Wegfall einer Glasfabrik in Schleiden.
Vom Supermarkt aus ging ich 500 Meter als ein Auto anhielt und mich die Fahrerin, eine Nachbarin von mir, einlud mit auf den Berg zu fahren. Die gleiche Nachbarin nahm mich am Morgen auch mit nach Gemünd.
Résumé: Auf dem Weg ergaben sich gute Gespräche zum Thema. Alle mit denen ich sprach hatten durchaus die sozial-dürftige Situation verstanden. Besonders das Grundeinkommen regte die Leute an, welche zuvor nichts von diesem Thema gehört hatten. Könnte jeder Befürworter des Grundeinkommens, nur zwei mal Jahr, das Gleiches tun, dann wären wir schon bald viele hunderttausend Befürworter mehr. Der Weg für soziale Gerechtigkeit nimmt seinen Lauf, es wäre zu wünschen wenn mehr Leute an den Etappenzielen teilnehmen könnten. Dieses würde jedoch eine gute Koordination benötigen, welche erstmal zu leisten wäre, da man nicht erwarten kann dass die Menschen ohne Aktion am Ort und ohne Zeitangaben hinsichtlich Ankunft zusammenfinden.
Was mich zwar bei der Brisanz des Themas nicht gewundert hat, jedoch in Grundannahmen bestätigte, war die Zurückhaltung
von Radio Köln und dem WDR, wie sonstiger kölner Medien. Jeder kann sich nun fragen warum dieses so war, und ob Köln kein
großes Interesse an der Herstellung der sozialen Gerechtigkeit hat.
Netter Gruß
Der Sozialkämpfer aus Schleiden (Eifel)
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